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Unternehmen aus der erneuerbaren Energien-Branche haben meist eine andere Kultur als solche, die nur dem finanziellen Share Holder Value und den kurzsichtigen Quartalsberichten verpflichtet sind.

Interview des Informationsdienstes Arbeitsmarkt Umweltschutz und Naturwissenschaften mit Dr. Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V., zu den Arbeitsbedingungen in den erneuerbaren Energien. Hier gibt’s der Hintergrundartikel zu den Arbeitsbedingungen im Bereich Erneuerbarer Energien.

arbeitsmarkt: Wie schätzen Sie die Arbeitsbedingungen in der Branche der EE ein, vor allem für Hochschulabsolventen und -absolventinnen, beispielsweise aus den Ingenieurwissenschaften, Geographie und Umweltwissenschaften?

Dr. Hermann Falk: Die Erneuerbare Energien-Branche ist in erster Linie eine der Ingenieure. Deutsche Ingenieurskunst ist weltweit gefragt – das Wissen, wie saubere Energie erzeugt wird und wie dieses System verlässlich und kosteneffizient aufgebaut und betrieben wird. Davon profitiert naturgemäß am ehesten der Bereich, in dem es um die Planung und den Betrieb Erneuerbarer-Energie-Anlagen, ihrer Steuerung, Wartung und Instandhaltung geht.

Was bislang noch nicht richtig im Licht der Öffentlichkeit steht: Arbeitsplätze werden nicht nur direkt an den Anlagen geschaffen, sondern auch bei den Stromhändlern, bei Messstellen- und Netzbetreibern, eben bei all den verschiedenen Systemen, damit das Ganze harmonisch zusammenspielt. Auch werden künftig Fragen der Systemtransformation eine noch stärkere Rolle spielen und bieten daher gerade für Absolventen der zahlreichen Erneuerbare-Studiengängen gute Job-Perspektiven.

Sehen Sie da Unterschiede zwischen Wind, Solar und der Bioenergie?

In der Wind- und Solarbranche entstehen Jobs vor allem in der industriellen Produktion, Betriebsführung und im lokalen Handwerk, im Bereich Biomasse eher in der Landwirtschaft, aber auch im Anlagenbau und in der Wartung.

Die Branche hat sich professionalisiert. Gilt das auch für die Arbeitsbedingungen?

In der Vergangenheit lag der Schwerpunkt der Beschäftigung in der industriellen Fertigung und Montage. Nun, da die Anlagen in die Jahre kommen, ist vermehrt Bedarf in der Wartung und Instandhaltung der Anlagen. Das ist aber nur die eine Seite. Auf der anderen entstehen ganz neue Dienstleistungen, etwa Vertrieb und Direktvermarktung, aber auch Jobchancen in der Branche der Speichertechnologien und den IT-basierten SmartTechnologies.

Es scheint so, dass viele der Unternehmen, die sehr viel Wert auf die Unternehmenskultur legen, vor allem im Bereich Planung, Projektierung arbeiten. Oder können sie nur besser kommunizieren? Wie ist Ihr Eindruck?

In der Regel sind Unternehmen und Angestellte unserer Branche sehr motiviert, das Nachhaltigkeitsdreieck von Wirtschaftlichkeit, Umweltschutz und Ethik zu verwirklichen; viele von ihnen arbeiten sehr bewusst an dem großen gesellschaftlichen Ziel der Energiewende. Daraus entsteht meist eine andere Unternehmenskultur als in solchen Unternehmen, die nur dem finanziellen Share Holder Value und den kurzsichtigen Quartalsberichten verpflichtet sind. Einen generellen Unterschied innerhalb der EE-Branchen kann ich aber nicht entdecken, jedoch haben Sie Recht, dass es eine Reihe von Unternehmen gibt, die es besser als andere schaffen, Teamgeist mit wirtschaftlichem Erfolg dauerhaft zu verbinden und dieses sehr gut kommunizieren.

Die EE- Branche ist sehr heterogen. Die IG Metall klagt über eher schlechte Arbeitsbedingungen und Gehälter, das Forschungsinstitut IAB konstatiert höhere Löhne. Genauso die Arbeitsplatzzahlen: Einerseits wird von Jobzuwachs gesprochen, andererseits heißt es, es gingen mehr Arbeitsplätze verloren. Wie passt das zusammen?

Zunächst ist festzuhalten: Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze. Sie tun das kontinuierlich und werden es auch weiter tun. Sicher, mittlerweile steigen die Zahlen moderater als in den Boomjahren zwischen 2007 und 2012. Doch trotz der Einbrüche vor allem in den Sparten Photovoltaik und Bioenergie bleiben die Erneuerbaren ein Jobfeld mit Zukunft. Eine noch unveröffentlichte Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums nennt 230.000 zusätzliche Arbeitsplätze bis zum Jahr 2050 bei den Erneuerbaren. Wäre der Ausbau nicht – politisch gewollt – gebremst worden, könnte der Jobmotor noch viel mehr in Schwung kommen.

Das IAB stellt eine wichtige Unterscheidung fest, nach der sich die Lohnunterschiede fast ganz anhand der jeweiligen Qualifikation und Betriebsgröße erklären lassen. In drei der vier Erneuerbaren-Bereiche mit den meisten Beschäftigten fand das IAB höhere Löhne als in Nicht-EE-Betrieben vor.

Zur Person:

Dr. Hermann Falk, 1967 in Essen geboren, ist seit Februar 2013 Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) in Berlin.

Das Interview ist im Informationsdienst arbeitsmarkt Umweltschutz, Naturwissenschaften erschienen. Jede Woche werden mehrere hundert qualifzierte und aktuelle Stellenangebote aus dem Umweltbereich recherchiert und nach Tätigkeitsgebieten sortiert. Herausgeber ist der Wissenschaftsladen Bonn.