Wir wollen 40 Stunden minus X!

Leistungsbereitschaft und Engagement im Job ist richtig und wichtig. Besonders dann, wenn man im Job den Anspruch hat „die Welt zu verbessern“ oder der Arbeitgeber dieses Ziel hat. Und das ist in den grünen Branchen oft der Fall. Das ist ja auch ein Grund, warum viele gerne in diesem Bereich arbeiten (wollen).

Das darf aber nicht dazu führen, dass wir uns selbst ausbeuten. Menschen, die mit dauerhaften Überstunden und Dauerstress im Job prahlen, sind mir suspekt. Wenn es in einem Unternehmen nötig ist, dass alle oder Teile der Mitarbeiterschaft oder auch „nur“ der/die Chef/in regelmäßig Überstunden schieben müssen, damit die anstehende Arbeit erledigt werden kann, dann ist entweder die Arbeit nicht richtig verteilt oder das Geschäftsmodell funktioniert nicht richtig.

Natürlich gibt es immer mal Spitzen, die durch Überstunden abgefangen werden müssen. Dann muss aber auch sicher gestellt sein, dass es schnell wieder Phasen gibt, in denen es wieder entspannter zugeht und dann auch entsprechend weniger gearbeitet wird. Denn auch wenn es eigentlich klar ist tritt es oft in den Hintergrund: Erholung ist wichtig, sei es am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub. Sonst wird es nichts mit der Nachhaltigkeit des Arbeitslebens, ein Burn-Out kommt schleichend.

Ein Sonderfall sind Einzelunternehmer/innen. Diese haben nicht die personelle Kapazität, Arbeitsspitzen über ein Team abzufangen. Aber auch hier: Wenn es dauerhaft nur möglich ist, den nötigen Umsatz zu machen indem regelmäßig mehr als 40 Stunden oder gar 50, 60 Stunden pro Woche gearbeitet wird, dann stimmt das Geschäftsmodell nicht. Oder Gründer/innen: Natürlich muss man zum Start eines Unternehmens investieren. Und zwar Geld und Zeit. Beides muss sich aber in einer angemessenen Zeit rentieren.

Bessere wäre es doch, so zu reagieren, wenn das nächste Mal jemand mit seinem überbordenden Engagement angibt:

(Hinweis: Das beworbene Buch „Rework“ kann ich uneingeschränkt empfehlen, ich oder greenjobs bekommen keine Provision oder ähnliches.)

Ziel bei einer Vollzeitstelle sollte meiner Meinung nach sein nicht zu sagen „Ich arbeite 40 Stunden plus X.“ sondern „Ich arbeite 40 Stunden minus X.“
Das ist auch eine Verantwortung der Vorgesetzten. Diese müssen nicht nur darauf achten, dass ihre Mitarbeiter nicht überlastet sind, sondern auch selbst mit gutem Beispiel voran gehen. Also auch mal um 16 oder 17 Uhr Feierabend machen und dann auch keine Mails am Abend oder Wochenende ans Team schicken!

Denn eins ist klar: Wenn wir die Welt besser machen wollen, müssen wir zuerst einmal darauf achten, dass wir selbst nicht ausbrennen. Denn nur dann haben wir dauerhaft die Kraft, für „die Gute Seite“ zu arbeiten.

Also bitte in Zukunft nicht mehr:

  • Wow, schon wieder bis 22 Uhr im Büro und am Wochenende habe ich auch gearbeitet.
  • Ich mache jetzt Feierabend, checke nachher aber noch meine Mails.
  • Ich fühle mich krank, komme aber trotzdem mal ins Büro.
  • Ich habe da Urlaub, den kann ich aber verschieben.

„Die Jobsuche ist immer eine harte Phase“

Andreas Pallenberg hat 25 Jahre lang den Infodienst Arbeitsmarkt des Wissenschaftsladen Bonn geleitet. Nun geht er in Rente. Im Interview spricht er darüber, wie er die Abonnentinnen und Abonnenten erlebt hat.

Andreas, du hast jeden Tag Kontakt mit unseren Abonnentinnen und Abonnenten. Was sind das für Menschen?

Andreas Pallenberg: Es sind sehr freundliche und offene Menschen. Sie haben Germanistik, Pädagogik, Geschichte oder ähnliche Fächer studiert und fragen sich jetzt: Was kann ich damit beruflich machen? Sie suchen zum Teil nach konkreten Jobs, etwa eine Stelle im Museum oder bei einem Medienunternehmen. Oft suchen sie aber auch nach einer grundsätzlichen Orientierung, weil sie sich mehrere Berufsfelder vorstellen können.

Häufig haben sie aus einem persönlichen Interesse heraus ihr Studienfach gewählt. Ob und wie sie damit später im Berufsleben ankommen, hat zunächst keine wichtige Rolle gespielt. Aber mit dem Moment, an dem es drängend oder schwierig wird, kommen wir ins Spiel. Mit Rat und unserem Infodienst.

Wie hat sich die Situation der jobsuchenden Akademikerinnen und Akademiker über die Jahre verändert?

Der Arbeitsmarkt hat sich stark verändert. Viele haben den Wunsch, im Berufsleben fest anzukommen. Aber der Arbeitsmarkt ist mittlerweile sehr zerklüftet. Die eine feste Stelle bis zum Lebensende gibt es praktisch nicht mehr. Typisch sind dagegen befristete Stellen. Viele erleben auch Phasen der Arbeitslosigkeit oder sind für einige Zeit freiberuflich tätig, um eine schwierige Phase zu überbrücken. Von vielen Menschen werden wir alle paar Jahre wieder erneut abonniert, etwa wenn der befristete Vertrag ausläuft.

Wir erleben derzeit einen höchst unterschiedlichen Arbeitsmarkt. In vielen technischen Berufen werden Fachkräfte händeringend gesucht. Doch in „unseren“ Arbeitsfeldern sieht die Lage anders aus. Wenn gute Stellen in einem Museum, in einem Verlag oder einer Nichtregierungsorganisationen ausgeschrieben werden, gibt es häufig dreistellige Bewerberzahlen. Die Konkurrenz ist groß – und der Frust dem entsprechend auch.

BWL-Absolventen wollen später möglichst viel Geld verdienen – zumindest dem Klischee nach. Wie ist es bei unseren Abonnentinnen und Abonnenten?

Unsere Leser/innen sind vor allem an Inhalten interessiert. Viele wollen in erster Linie einen sinnvollen Job haben, der ihren Interessen entspricht. Es soll eine Stelle sein, in der sie etwas bewegen können und durch die sie sich weiterentwickeln.

Es gibt aber auch Abonnent/innen, die nichts gegen Geldverdienen und Karriere haben – erst Recht, wenn sie bereits einige Jahre Berufserfahrung haben. Geisteswissenschaftler können gut argumentieren, erzählen, verkaufen. Sie haben einen Blick für die Gesellschaft und damit auch einen Blick für die Kunden. Das hat die freie Wirtschaft erkannt. Es gibt mittlerweile Trainee-Programme für Akademiker/innen ohne klassischen BWL- oder Jura-Hintergrund. Viele unserer ehemaligen Abonnent/innen arbeiten heute im Marketing, in Personalabteilungen, als Projektmanager oder als Führungskräfte in Verbänden und anderen Organisationen.

Jeden Dienstag sitzt du an unserer WILA Bewerbungshotline. Dort können unsere Abonnentinnen und Abonnenten anrufen, wenn sie Fragen haben. Welche drei klassischen Fragen werden dort gestellt – und wie sind deine Antworten?

Es sind viele individuelle Situationen, die sich schwer verallgemeinern lassen. Aber es gibt tatsächlich ein paar Klassiker. Eine häufige Frage lautet: Ich habe Übermorgen ein Bewerbungsgespräch. Wie setze ich mich durch? Was muss ich beachten? Ich antworte dann in der Regel: Machen Sie sich jetzt frei von Inhalten. Sie sind bereits ausgewählt. Also ist der Arbeitgeber davon überzeugt, dass sie qualifiziert genug sind. Jetzt will man Sie als Mensch kennenlernen. Arbeiten Sie also daran, dass Sie mental präpariert sind und als Persönlichkeit perfekt auftreten. Seien Sie geistig präsent und Ihrem Gegenüber zugewandt.

Eine zweite häufige Frage lautet: Können Sie mal über meinen Lebenslauf schauen? Aber das ist zum einen sehr aufwendig und bringt zum anderen wenig. Ich rate dann: Man sollte nicht den einen, festen Standardlebenslauf haben. Stattdessen sollte man seinen Lebenslauf individuell anpassen. So, dass Anschreiben und Lebenslauf aus einem Guss und auf die jeweiligen Anforderungen exakt abgestimmt sind.

Bei der dritten Frage wird es komplizierter…

Wir sind gespannt.

Die Frage lautet: Ich habe schon alles versucht, aber es klappt einfach nicht, ich finde keinen Job. Was kann ich tun? Ich stelle dann eine Gegenfrage: Wie viele Bewerbungen haben Sie denn schon versendet? Manche sind schon nach ein paar Bewerbungen verzweifelt. Andere haben schon über 100 Bewerbungen verschickt. Die entscheidende Frage ist dann, ob sie bereits zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurden. Falls ja, sollte man an seiner Performance im Bewerbungsgespräch üben. Wer dagegen nie eingeladen wird, verschickt vielleicht immer nur Standard-Bewerbungen oder sucht sich vielleicht Berufsfelder aus, für die man nicht genug Kompetenzen oder praktische Erfahrungen vorzuweisen hat.

Aber letzten Endes ist es eine sehr harte Phase, durch die alle Jobsuchenden gehen. Die Konkurrenz ist groß – und es gibt jedes Mal nur einen Job zu vergeben. Man hat keine andere Wahl, als am Ball zu bleiben und zu kämpfen.

Wie bist du eigentlich zum Redaktionsleiter der Infodienste geworden?

Ich habe in den Siebzigerjahren Sozialwissenschaften und Biologie studiert. Ziel war das Lehramt Gymnasium. Doch damals gab es eine Lehrerschwemme und ich habe keine Stelle im Schuldienst bekommen. Wie viele Kolleginnen und Kollegen habe ich mich jobmäßig eine Zeit lang durchgehangelt, habe unter anderem im Arbeitsamt gearbeitet, an archäologischen Ausgrabungen teilgenommen und Schwertransporte begleitet.

Schließlich habe ich eine Stelle im Wissenschaftsladen Bonn als pädagogischer Mitarbeiter bekommen erhalten. Dort haben wir ein öffentlich gefördertes Fortbildungsprojekt auf die Beine gestellt. Wir haben Akademikerinnen zu Fachkräften für Umweltschutz ausgebildet und diesen dann systematisch zu passenden Jobs verholfen. Dabei ist der Infodienst entstanden. Wir wollten den Teilnehmer/innen einen konkreten Überblick über die aktuelle Stellensituation anbieten.

Dazu haben die Stellen in Zeitungen recherchiert, ausgeschnitten, auf Papier geklebt, fotokopiert und die Blätter zusammengetackert. Dieser „Schnipsel-Dienst“ wurde schnell bekannt und uns förmlich aus der Hand gerissen. Kurze Zeit später haben wir die Blätter durch praktische Tipps rund um Bewerbungsfragen und Berichte über Berufsfelder ergänzt.

Wie hat sich der WILA Arbeitsmarkt seitdem entwickelt?

Bis heute sind wir kein Hochglanz-Magazin mit kommerziellem Hintergedanken. Herausgeber ist nach wie vor der gemeinnützige Wissenschaftsladen Bonn e.V. Aber auch wir haben uns über die Jahre professionalisiert. Ich sehe die Infodienste nach wie vor als feste Institution für jobsuchende Akademiker/innen. Jede Woche erhalten sie aktuelle Jobs, die nach Tätigkeitsgebieten sortiert sind. Darunter auch viele Perlen, die man im Netz vielleicht nicht gefunden hätte. Wir bieten aber auch Antworten auf weiter gehende Fragen. Welche Kompetenzen werden in der Branche aktuell gefordert? In welchen Regionen gibt es welche Arbeitgeber? Welche Gehälter werden gezahlt? So erhält man einen umfassenden Branchenüberblick und mehr Klarheit bei der Jobsuche.

Dazu bieten wir handfeste Beratung, sei es über unsere redaktionellen Berichte, über unsere Bewerbungshotline, unser Mentoring-Programm oder unsere WILA Seminare. Und unser Leserbriefseiten zeigen auch: Seht her, ihr seid nicht alleine mit euren Problemen und Zweifeln während der Jobsuche.

Hand aufs Herz: Wie blickst du jetzt auf den Generationenwechsel in der Redaktion?

Das sehe ich ausgesprochen positiv. Der Wechsel steht an. Auch damit sich unser Heft und unsere Angebote weiterentwickeln. Der WILA insgesamt hat sich hier zu einem Kompetenzzentrum entwickelt. Diesen Weg gilt es jetzt weiter auszubauen.

Du bist jetzt 63 Jahre alt. Was hast du im Ruhestand vor?

Ganz weg bin ich ja noch nicht. So werde ich einmal in der Woche noch als Redaktionsmitarbeiter tätig. Unsere Bewerbungshotline werde ich noch weiter machen, hin und wieder Artikel schreiben und der Redaktion beratend zur Seite stehen. Freizeitmäßig freue ich mich auf das Übliche: Mehr Reisen, mehr Kultur genießen. Außerdem will ich in aller Ruhe beobachten, wie die Zeit vergeht.

Vielen Dank!

Das Gespräch führten Krischan Ostenrath und Benjamin O’Daniel.

Das Interview „Die Jobsuche ist immer eine harte Phase“ ist ursprünglich auf WILA-Arbeitsmarkt erschienen. Der Infodienst WILA Arbeitsmarkt für Berufe in Umwelt und Natur wertet jede Woche mehrere hundert Jobs speziell für die Umweltbranche aus und sortiert diese nach Tätigkeitsgebieten. So erhalten die Abonnent/innen einen Überblick und kommen bei ihrer Jobsuche auf neue Ideen.

eejobs.de startet Ausbildungsinitiative

Das Team der Jobbörse eejobs.de möchte Unternehmen dabei unterstützen, ihre Ausbildungsplätze für 2017 zu besetzen. Ausbildungsplätze in Sachen Energiewende können auf eejobs.de, der führenden Online-Jobbörse für diesen Bereich, kostenlos eingestellt werden.

„Wir wollen mit dieser Initiative erreichen, dass Unternehmen ohne weitere Kosten ihre Ausbildungsstellen im Bereich der Zukunftsenergien überregional ausschreiben können“, sagt Ute Meyer-Heinemann, Ansprechpartnerin bei eejobs.de.

Der Bedarf an technischem Nachwuchs ist groß, sagt Meyer-Heinemann: „Die Branche der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz bietet langfristig eine gute Perspektive und punktet mit jungen innovativen Unternehmen.“

Geeignete Bewerber/innen sind allerdings nicht immer wohnortnah zu finden. Daher lohnt es sich für Arbeitgeber, die Ausbildungsstellen bundesweit auszuschreiben. Für Auszubildende, die eine Ausbildung nicht am Wohnort absolvieren, gibt es Fördermöglichkeiten vom Bund.

Infos zur Ausbildungsinitiative: Ute Meyer-Heinemann, E-Mail, Tel. 0176 42068868