„Leben und Job als Einheit verstehen“

Work-Life-Balance ist out. Die neue Währung auf dem Jobmarkt heißt Work-Life-Romance. Im Interview verraten die Berufsberater Marius Kursawe und Robert Kötter, wie man zum Gestalter seines eigenen (Berufs-)Lebens werden kann

Was bedeutet der Begriff Work-Life-Romance?

Wir wollten damit einen Gegenentwurf zum alten Konzept der Work-Life-Balance schaffen. Die Formel, dass Arbeit und Leben zwei gegensätzliche und miteinander ringende Pole sind, halten wir für veraltet. Sie trifft auf die Lebenswirklichkeit und die Bedürfnisse großer Teile der Gesellschaft einfach nicht mehr zu. Unsere Erfahrung zeigt viel mehr, dass diejenigen, die von sich sagen, ihren Traumjob gefunden zu haben, gerade nicht mehr zwischen Arbeit und Leben unterscheiden. Sie leben es als Einheit.

Und bekommen irgendwann einen Burnout?

Genau das wurde uns ja seit Jahren eingeredet: Arbeite bloß nicht zu viel, sonst gehst du vor die Hunde. Das Prinzip der Work-Life-Balance passt da prima rein, denn es wirkt nach dem Prinzip von Gift und Gegengift: Ein Zuviel an Arbeit muss mit einer entsprechenden Portion Freizeit neutralisiert werden und alles ist wieder im Lot. Das hat doch in vielen Unternehmen nur dazu geführt, dass die relative Arbeitslast zwar immer weiter gestiegen ist, aber dafür freitagnachmittags Betriebs-Yoga angeboten wird.

Was ist so schlecht daran, dass Unternehmen es den Mitarbeitern angenehmer machen?

Es geht am Problem vorbei. Wir haben mit vielen selbsternannten Traumjobbern gesprochen und keiner von ihnen hat als Grund für seine Zufriedenheit eine 35-Stunden-Woche oder die Möglichkeit auf Home-Office genannt. Der grundlegende Trend der letzten Jahre ist aus unserer Sicht der, dass Arbeit endlich nach qualitativen, statt nach quantitativen Fragen bewertet wird.

Was heißt das konkret?

Es herrscht seit Jahren ein ziemlich eindimensionaler Diskurs rund um das Thema Arbeit. Ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft, es werden immer nur Wie-Fragen gestellt: Wie lange müssen bzw. dürfen wir arbeiten, am Tag und im Leben? Wie hoch sollte der Anteil weiblicher Führungskräfte in einem Unternehmen sein? Wie viele Tage Home-Office sind ok? All diese Fragen zielen letztlich auf messbare Ergebnisse ab: Arbeitszeit, Gehälter, Gender-Quoten. Bleibt da überhaupt Raum für die Frage nach so etwas wie Glück oder Sinn? Wir stellen fest, das viele Menschen sich aber gerade diese Fragen vermehrt stellen.

Muss mich denn mein Job glücklich machen oder kann ich nicht wie viele Generationen zuvor einfach arbeiten, um zu Leben?

Es gibt keine Verpflichtung, im Beruf glücklich zu sein. Wir wüssten aber auch keinen Grund, es nicht zu versuchen. Wir hören oft Sätze wie „Es kann ja nicht jeder nur das machen, was ihm Spaß macht.“ Dieses Axiom ist populär, aber völlig unhaltbar. Natürlich hat jeder das Recht, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Wahr ist aber auch, dass aus diesem ganz menschlichen Bedürfnis auch ein belastender, nicht zu erfüllender Anspruch an sich selbst erwachsen kann: Ich muss glücklich sein und wenn ich es nicht bin, stimmt etwas nicht.

Viele Menschen machen einfach nur ihre Arbeit und fahren sehr gut damit…

Und das ist super. Und um es klar zu sagen: Viele Leidenschaften sind im Feierabend als Hobby gut aufgehoben und sollten nicht zwanghaft in einen Job umkonstruiert werden. Oft ist es auch eine Frage der Persönlichkeit oder der jeweiligen Lebenssituation, welchen Stellenwert wir einem sinnhaften und Zufriedenheit bringenden Beruf beimessen. Wir sind allerdings der Meinung, dass es erstrebenswert ist und teilen das mit immer mehr Menschen.

Wie helft Ihr euren Kunden, den Traumberuf zu finden?

Indem wir ihnen zeigen, was es bedeutet, Life-Designer zu sein. Die meisten Leute, denen wir begegnen, sind eher der Typ „Lebensplaner“. Sie gestalten ihr Leben nicht. Sie folgen bestimmten Vorgaben, die sie an sich selbst oder die andere an sie stellen. Sie agieren streng rational und strategisch, was ihre Karriere angeht. Life-Designer hingegen experimentieren, probieren aus und und feiern jeden „Fehler“ als wertvolle Erfahrung, die sie auf ihrem Weg weiterbringt. Während Lebensplaner jedes Risiko vermeiden, suchen Life-Designer gerade diese Herausforderungen, um herauszufinden, wie sie ihr Leben den eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten, aber auch Begrenzungen entsprechend gestalten können.

Und sind damit erfolgreicher bei der Suche nach dem Traumjob?

Life-Designer haben diesen kontinuierlichen Prozess in der Hand und verfügen über die Methoden, ihn ständig auf neue Bedingungen anzupassen. Denn die Vorstellung, einmal fertig zu werden, wenn man erst den Traumjob gefunden hat, ist eine gefährliche Illusion – dafür ist das Leben viel zu komplex und Pläne zu schnell veraltet. Wir glauben daher, dass es nicht darum geht, Menschen fertige Lösungen anzubieten, sondern sie eher zu guten Gestaltern auszubilden, zu echten Life-Designern.

Warum nutzt ihr die Methode des Design Thinkings?

Design Thinking wird seit Jahren dabei angewandt, Lösungen für komplexe Fragestellungen zu finden. Bislang beschränkte sich der Einsatz allerdings auf Fragestellungen im Kontext von Produkt- und Service-Lösungen. Wir haben uns gefragt, ob man die Methode nicht auf die Lösung komplexer Lebensfragen anwenden kann. Viele Menschen erleben es als befreiend, ihre eigene Suche nach zufriedenstellender Arbeit und einem erfüllten Leben als Design-Herausforderung zu sehen. Design Thinking ist schnell zu erfassen, gleichzeitig aber auch für sehr komplexe Probleme hilfreich.

Gibt es denn für jeden einen passenden Beruf?

Wir erleben, dass sich immer weniger Menschen bei der Jobsuche noch von den vorgegebenen Schubladen begrenzen lassen wollen. Die Vorstellung ist veraltet, dass es eine Liste an Berufen gibt und jeder sucht sich das, was ihm am ehesten zusagt. Dazu entstehen viel zu viele neue Jobs, während alte verschwinden oder auf einmal ein Revival erleben. Statt nur nach Beschäftigung zu suchen, schaffen Menschen den passenden Beruf selbst und passen ihn an ihre Bedürfnisse, Talente, aber auch Werte an. Da werden Jobs dann manchmal ganz neu designt, die es vorher nicht gab.

Was waren die bisher radikalsten beruflichen Veränderungen, die ihr begleitet habt?

Jeder Teilnehmer unserer JobCamps macht einen für ihn radikalen Schritt, wenn er sein bisheriges Lebensmodell hinterfragt und zu dem Schluss kommt, noch mal neu anzufangen. Für manche ist es schon radikal, von Vollzeit in Teilzeit zu gehen oder die angeboten Beförderung auszuschlagen, weil er sich einem Herzensprojekt widmen möchte. Andere wiederum reichen, wenn sie samstags bei uns waren, am Montag die Kündigung ein.

Was gibt es für Angebote und was kosten sie?

Für alle, die sich mit einer beruflichen Veränderung oder Neuausrichtung beschäftigen bieten wir unser JobCamp an. Das ist ein Tages-Workshop mit bis zu zwölf Teilnehmern, die wir im Sinne des Design Thinkings bewusst so zusammenstellen, dass unterschiedliche Hierarchien und Fachrichtungen zusammenkommen. Für alle, denen ein Tag nicht ausreicht, bieten wir zusammen mit unserem Kooperationspartner „InselZeitReisen“ zehntägige JobRetreats auf Island und Mallorca an. Inzwischen treten auch immer mehr Unternehmen an uns heran, was sehr spannend ist. Bisher haben wir ihren besten Leuten dabei geholfen, zu kündigen. Jetzt können wir dabei helfen, das es vielleicht gar nicht so weit kommen muss und Mitarbeiter Sinn und Inhalt in ihrer Arbeit wiederentdecken können.

Und wie seid Ihr auf die Idee gekommen? Was habt ihr vorher gemacht?

Marius: Ich habe als Berater gearbeitet und Unternehmen durch unterschiedliche Transformationsprozesse begleitet. Das Thema „Veränderung“ hat mich also schon lange fasziniert und über viele Jahre beruflich beschäftigt.

Robert: Ich habe selber ganz viele verschiedene Jobs ausprobiert: Vom Restaurant bis zum Bio-Bauernhof, vom Kreuzfahrtschiff bis zum buddhistischen Kloster, von der Religionswissenschaft bis zur Coaching-Praxis. Auch heute noch ist mir wichtig, immer wieder neue Aspekte in mein Leben zu integrieren.

Mehr Interviews, Artikel und Ideen gibt es auf Good Impact, der Plattform für gesellschaftlichen Wandel.